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Seefahrtschule

Fischfang, Seeschiffahrt und maritime Ausbildung haben in Wustrow eine lange Tradition. Gleich am Ortseingang, auf dem Wustrower Stegberge, steht das Gebäude der bekannten Seefahrtschule, die zuletzt zur Hochschule für Seefahrt Warnemünde-Wustrow gehörte. Zwischen 1949 und 1990 bildete sie rund 8000 Studenten aus: Kapitäne, nautische Offiziere und Techniker.

Am 10. November 1846 wurde auf Betreiben damaliger Wustrower Schiffer im ehemaligen Gebäude der Küsterschule (Große Straße 107) die „Großherzogliche Navigationsschule zu Wustrow auf dem Fischland“ eröffnet. Erster Lehrer war Ernst-Friedrich Schütz. Schon zum Gründungszeitpunkt wurde an einen Neubau gedacht, der nur ein Jahr später auf dem Stegberg begann und 1848 als „graues Schloss am Meer“ fertiggestellt wurde. Unterrichtet wurde in zwei Hauptklassen und einer Vorbereitungsschule. Zunächst nur als Winterkurs stattfindender Unterricht weitete sich bald darauf auf einen ganzjährigen Schulbetrieb aus. Es wurden weitere Lehrer eingestellt und neue Fächer in den Lehrplan aufgenommen. 1871 wurde das Haus per kaiserlichem Erlass in „Seefahrtschule Wustrow“ umbenannt - dieser Name hält sich unter den Einheimischen bis heute. Bis zur Zeit des ersten Weltkrieges wurden ein Kartensaal, Funk- und Prüfungszimmer angebaut sowie ein Observatorium zur besseren Ausbildung in der astronomischen Navigation errichtet.

Durch diese Modernisierungsmaßnahmen konnte der damalige Direktor Heinrich Fretwurst die schon 1924 beabsichtigte Schließung der Schule verhindern. Mit den Nationalsozialisten wurden 1933 alle damaligen Seefahrtschulen zu „Reichsseefahrtschulen“ umfunktioniert, die Ausbildung der Kriegspolitik untergeordnet und auf das niedrigste Niveau abgesenkt. Infolge des Krieges endete 1944 vorerst die maritime Ausbildung. Bis dahin hatten in fast 100 Jahren 2688 Steuermanns- und 1806 Kapitänsschüler in Wustrow ihre Prüfungen bestanden. Inzwischen war die Schule sogar um ein Planetarium erweitert worden.

1945 wurde das Haus der Seefahrtschule durch die Sowjetarmee freigegeben und die ersten Prüfungen für Kleinstpatente in der Fischerei bewilligt. Jetzt war die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, an die Ausbildung von Nautikern oder gar Kapitänen nicht zu denken.

„Im April 1947 stellte die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern an die Sowjetische Militäradministration den Antrag auf Eröffnung der Seefahrtschule Wustrow. Folgende Begründungen wurden angegeben:

  1.      Für die Hochsee- und Küstenfischerei muß für Nachwuchs gesorgt werden.
  2.      Die Ausbildung von Lotsen für die Wasserstraßendirektion ist unbedingt erforderlich.
  3.      Die Wiederbelebung der Küstenschiffahrt erfordert neues Personal.
  4.      Kapitäne und Seesteuerleute für große Fahrt müssen auf Fischerei umgeschult werden.
  5.      Die entsprechenden Schulen in den anderen Zonen laufen zum Teil seit längerer Zeit und ziehen den hiesigen Nachwuchs aus der sowjetischen Besatzungszone ab. Das muß vermieden werden.
  6.      Speziallehrkräfte sind bereits in großer Zahl nach dem Westen abgewandert. Das bedeutet einen großen Verlust, so daß bei längerem Hinauszögern eine Wiedereröffnung in Frage gestellt ist.“

(Hessel/Scharnow, Nautische Ausbildung, 1996)

Entscheidungen waren erforderlich und die feierliche Wiedereröffnung der Seefahrtschule mit der Ausbildung von nautischen und technischen Schiffsoffizieren fand am 6. Mai 1949 statt. Der III. Parteitag der SED 1950 fasste die Schaffung einer Hochseehandelsflotte ins Auge, woraufhin ein völlig neuer „Lehrplan für Schiffsoffiziere und Kapitäne auf großer Fahrt“ erstellt und die Zahl der Lehrkräfte erhöht wurde. Erfolgte bis dahin die Unterbringung der Schüler zu Hause oder in angemieteten Quartieren, sollte nun durch ein umfangreiches Investitionsprogramm eine ganz neue Schule entstehen, mit Internat und Wirtschaftstrakt. Eine große Ausbauphase auf dem Stegberg begann. Es entstand ein großes Lehrgebäude, in dem sich 17 Lehrkabinette für je 24 Studenten und der 35m hohe Turm mit Brücke, Peildeck, Planetarium sowie Konferenz- und Bibliotheksräume befanden. „Damit besaß die Seefahrtschule Wustrow 19 Klassenräume, Platz für 515 Direktstudenten und 490 Internatsplätze. Hinzu kamen über 25 Labor- und Fachgruppenräume sowie Werkstätten. Aber auch eine Aula mit 425 Plätzen und ein darunter befindliches Manövrierbecken rundeten schließlich den Schulneubau ab.“ (Hessel/Scharnow: Nautische Ausbildung, 1996) Qualitätssteigernd wirkten sich außerdem eigene Trainingsschiffe und von der Wustrower Lehrerschaft selbst erarbeitete Fachbücher auf die Ausbildung aus. Von 1949 bis 1969 absolvierten 3930 künftige Schiffsoffiziere für Nautik, Betriebstechnik und Seefunk die Schule.

1969 wurden auf Beschluss des DDR Ministerrates zehn Ingenieurhochschulen gebildet und mit dem Zusammenschluss der „Ingenieurhochschule für Seefahrt Warnemünde-Wustrow“ (IHS) die erste universitäre Hochschule für zivile Schiffsoffiziere und Kapitäne im gesamten deutschsprachigen Raum geschaffen. Die Lehrstätte war speziell auf die Anforderungen der Seefahrt ausgerichtet und unterhielt viele Verbindungen zu ausländischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Die Grundlagenausbildung war im Wustrower Hochschulteil angesiedelt und bei der jährlichen Immatrikulation wurden über 300 Hoch- und Fachschulstudenten eingeschrieben. Weitere 100 Studenten konnten im Vorkurs für junge Facharbeiter die Hochschulreife erlangen. Von 1969 bis 1989 legten 4890 Fach- bzw. Hochschulstudenten ihre Prüfung mit Erfolg ab. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die IHS in die Universität Rostock eingegliedert und der Außenstandort Wustrow mit seinem Hauptobjekt, der Turnhalle, dem Medizinischen Punkt in der Parkstraße, dem Segelgelände am Bodden und seinen 56 Wohneinheiten im Ort geschlossen. Die zivile maritime Ausbildung in Wustrow endete nach mehr als 150 Jahren mit dem Sommersemester 1992, noch beschleunigt durch einen Brand im selben Jahr. Sämtliche Bemühungen den Standort zu erhalten scheiterten und als sichtbares Protestzeichen zur Schließung wurde die schwarze Fahne auf dem Turm gehisst.

Nach fast 30 Jahren schwelt diese Wunde immer noch im Ostseebad, die Schließung der IHS war für die meisten ein Schock. Kaum ein Wustrower hat keine Verbindung in die ehemalige „Seefahrtschule“. Ob als damaliger Lehrer, Student oder Angestellter - viele ließen sich in und um Wustrow nieder und prägen bis heute das Erscheinungsbild und die Einwohnerschaft des Ortes entscheidend. Selbst die damaligen Kinder können heute noch von der Seefahrtschule berichten, nahmen sie doch hier ihr Schulessen ein oder besuchten Kinderfilmvorführungen. Denn Aula, Medizinischer Punkt und Turnhalle waren ebenso der Bevölkerung zugänglich und wurden rege genutzt. Besonders im Gegensatz zu heute war außerdem, dass es kaum ausgelagerte Firmen gab. Von der Wäscherei und Küche über das Lehrerkollegium bis hin zum Handwerk gehörte alles zur Seefahrtschule und bestimmte das Dorfleben und seine Infrastruktur maßgeblich mit. Auch das studentische Leben der Hochschule belebte den kleinen Ort enorm. Immer noch legendär sind die Faschingsveranstaltungen, an die sich Groß und Klein bestens erinnern können. Die vielen ehemaligen Mitarbeiter berichten außerdem nahezu übereinstimmend von einem kollektiven, familiären und wertschätzenden Arbeitsklima. Es wurden Freundschaften geknüpft, die teils bis heute erhalten sind.

Umfassendere Informationen zur Geschichte der Seefahrtschule sind in der Festschrift „775 Jahre Ostseebad Wustrow“ (Artikel Günther Weihmanns) und in Käthe Miethes „Auf großer Fahrt“ (Überblick über die Fischländer Schifffahrt vom 14. bis ins 19. Jahrhundert) zu finden.

2020 wurde nach ca dreijähriger Sanierung die Appartmentanlage "Zwei Wasser" mit 124 Ferienappartements eröffnet.

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