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Schnupperkapitel

Kapitel 1 - Von der „heiligen Insel“ zum Ostseebad Wustrow - Gunther Lübbe

Man kann es nicht oft genug wiederholen, mit der geographischen Bezeichnung „Fischland“ wird allgemein recht großzügig umgegangen. In Wirklichkeit ist diese Landschaft viel kleiner, als sie häufig dargestellt wird. Geographisch-morphologisch ist unter dem Fischland nur der eiszeitliche Kern zu verstehen, der südlich von Wustrow seinen Anfang nimmt und mit dem jähen Landabfall gegen Ahrenshoop endet. Auf dem Fischland liegen die Orte Wustrow, hier handelt es sich um eine slawische Gründung, Barnstorf als liebenswertes „Anhängsel“ des Dorfes, Althagen und Niehagen als deutsche Gründungen. Diese Orte bilden von alters her eine geschlossene Kleinlandschaft, die äußerst geschichtsträchtig ist. Bis vor wenigen Jahrhunderten war „Swante Wustrow“ eine Insel. Im Süden und Nor- den bildeten die Recknitzmündungen die natürliche Grenze, im Westen die Ostsee und im Osten der Saaler Bodden.

Durch Versandungen der Flussmündungen, von Menschenhand beschleunigt, verlor es seinen Inselcharakter. Jetzt ist das Fischland Verbindungsglied zwischen dem Ausläufer der nordöst- lichen Mecklenburger Heide, dem Darß und Zingst. Fischland, Darß und Zingst bilden heute eine touristisch hochinteressante Halbinsel. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Der aus dem Slawischen kommende älteste Name Swante Wustrow bedeutet „Heilige Insel“. Diese Bezeichnung übernahm die Insel wahrscheinlich von dem slawischen Heiligtum, das der viergesichtigen Gottheit Swantewit geweiht war und sich an dem Ort befunden haben soll, auf dem heute weithin sichtbar die neogotische Wustrower Kirche steht. Ursprünglich umgaben Wasser und Moor diesen in slawischer Zeit künstlich aufgeworfenen Hügel. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzte sich wegen des enormen Fischreichtums der damaligen Zeit der Begriff „Fischland“ durch und der ursprüngliche Inselname Wustrow ging auf den Ort über, der bis dahin Kirchdorf hieß, weil er die einzige Kirche der Landschaft sein eigen nannte. Der früheste urkundliche Beleg ist datiert aus dem Jahre 1235. Die heute im Landesarchiv Greifswald aufbewahrte, im italienischen Viterbo ausgestellte Urkunde nennt „Wostrowe“. Papst Gregor IX. nahm das Zisterzienser-Kloster Dünamünde (St. Nikolausberg, gegründet 1205) in Livland unter seinen Schutz und bestätigte ihm mehrere Besitzungen, darunter auch „Swante Wustrow“. Die Ländereien des Klosters lagen weit entfernt in Brandenburg und Mecklenburg. Das Kloster existierte genau 100 Jahre und wurde 1305 an den Deutschen Orden verkauft, der es umbaute und für seine Zwecke nutzte. Heute gehört der Komplex zum Stadt- gebiet von Riga.

Die Geschichte des Ortes war in den Jahrhunderten wechselvoll. Und wechselvoll wird sie bleiben. Kriege, Raubzüge und Brandschatzungen machten auch vor diesem entlegenen Winkel nicht halt. Der mehrmals erfolgte Besitzerwechsel hörte erst auf, als der mecklenburgische Herzog Heinrich der Löwe das Fischland samt seinen Bewohnern dem 1323 gegründeten

Kloster Ribnitz zum „fortwährenden freien Eigentum“ schenkte. „Zwanthe Wotztrow“ – so hieß das Ländchen damals. Es gehörte lange Zeit dem Kloster, bevor es im Zuge der Reformation Eigentum der Landesherrschaft wurde. Diese Nordostecke Mecklenburgs wurde 1994 dem neu gebildeten Landkreis Nordvorpommern zugeschlagen. So mussten Mecklenburger hier zu Pommern mutieren, und Pommern werden weiter südlich zu Mecklenburgern. Das territoriale Chaos war perfekt!

Umschlungen von Ostsee und Bodden, war es nur natürlich, dass die Bewohner dieses Fleckens sich beiden Gewässern als natürlicher Erwerbsquelle zuwandten. Fischfang und Schifffahrt bestehen hier schon seit Jahrhunderten. Das Meer hat von alters her diesen Landstrich und seine Menschen geprägt. Der karge Boden ließ kaum genügend Produkte des Ackerbaus für die Ernährung gedeihen. So suchte man schon früh sein Wohl in der Schifffahrt. Vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst zog

es die Männer zwischen 15 und 65 hinaus auf die See. Die heute bekannten Anfänge reichen zurück bis ins 14. Jahrhundert. Die seefahrenden Bauern bedeuteten eine Konkurrenz für die großen Hansestädte Rostock und Stralsund. Die Schifffahrt besaß mit den Recknitzmündungsarmen natürliche Durchfahrten vom Bod- den in die Ostsee. Sich der langsamen Untergrabung ihrer Stellung voll bewusst, ließen die Hansestädte beide Mündungsarme des Flusses für die Durchfahrt unbrauchbar machen. Das geschah um 1400. Der nördliche Mündungsarm zwischen Althagen und Ahrenshoop, als Darßer Kanal bekannt, war der Sage nach noch im 18. Jahrhundert als schwacher Wasserlauf vorhanden. Heute erinnert in Ahrenshoop nur noch der Straßenname „Am Strom“ an diesen Durchfluss.

Die Fischländer erwarben sich im Laufe der Zeit bescheidenen Wohlstand und hohes Ansehen unter den Seeleuten. Ihre Fahrten dehnten sie immer weiter aus. Anfangs befuhren sie hiesiges Seegebiet, später die gesamte Ostsee und andere Meere. Immer stärker traten sozial- ökonomische Unterschiede im Land auf. Liebevoll wieder hergestellte Schifferhäuser und Matrosenkaten künden noch heute davon. Besonders in Wustrow wird dieser Unterschied in der örtlichen Bausubstanz deutlich.

Noch niedriger als die Heuer der Matrosen lag das Einkommen der Tagelöhner und Landarbeiter, was sich auch in ihren Behausungen widerspiegelte. Es war nur natürlich, dass sich nach dem Niedergang der dörflichen Frachtschifffahrt, die hier in der Nord-Ost-Ecke Mecklenburgs am ausgeprägtesten war, das Badewesen entwickelte und sich nach anfänglichem Widerstand gerade die Kapitänshäuser als Herbergen öffneten. Wieder einmal hatten die Ärmsten der Armen das Nachsehen.

Für viele Seeleute jedoch bedeuteten damit verbundene Dienstleistungen für die Badegäste, zu denen sie als Zimmer- und Strandkorbvermieter, Hilfsarbeiter, Gepäckträger und Blumen- verkäufer gezwungen waren, einen sozialen Abstieg. Andere versuchten sich als Schiffsführer im Wasserbauwesen, im Zoll- und Lotsenwesen oder heuerten bei großen Reedereien in Hamburg, Bremen, Stettin und anderen Städten an. Wer noch über etwas Geld verfügte und nicht mehr zur See fuhr, legte es beim Bau von kleinen Hotels, Cafés und Restaurants an. Auch die Seefahrtschule brachte durch die sich in Wustrow einmietenden Seefahrtschüler Geld ins Dorf.

Im 20. Jahrhundert bestimmten die traditionellen Erwerbszweige, Fischerei und Ackerbau, das Bild auf dem Fischland. Die Landwirtschaft hat sich natürlich durch moderne Produktionsmethoden entscheidend gewandelt, die während der DDR-Zeit auf den Stadtwiesen für eine gravierende Biotopänderung sorgten. Jetzt versucht man, diesen Prozess wieder rückgängig zu machen. Landwirtschaft gibt es nach wie vor auf unserem Land.

Einige wenige Fischer arbeiten noch auf Bodden und Ostsee. Den Fischreichtum des ausge- henden Mittelalters gibt es schon lange nicht mehr. Man ist genügsam geworden. Seeleute gehören auch nach der Schließung der Seefahrtschule zum Dorfbild, aber der Tourismus prägt ganz entscheidend unsere Zeit. Swante Wustrow als Teil der Halbinselkette Fischland- Darß-Zingst ist ein geschätzter und begehrter Landstrich. Hier gibt es viele touristische Möglichkeiten, hier kann man sich gut erholen.

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